Der Bruder

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Der Bruder 

S. 15-39.

Vater.

- Und danach, sagte der Bruder, hat er – so lange ich mich an ihn erinnern kann – nichts mehr geschrieben. Aber von seinen zurückgelassenen Gedichten hat er erzählt, viel erzählt. Er hat gehofft, dass sie dir erhalten bleiben. Vielleicht findest du sie irgendwann. Vielleicht verstehst du es dann.

Mutter.

- Sie konnte ihm nicht verzeihen, sagte Laila. – Hat es nicht einmal versucht. Alles musste verschwinden, alles. Das Papier im Kamin, die Kleidung im Müll, sogar seinen großen Kaffeebecher hat sie auf dem Küchenboden zerschmettert. Und der Kamin brannte tagelang, die Flammen tanzten in hasserfüllter, selbstvergessener Freude. Daran erinnere ich mich.

Vater.

- Das ist wahr. Er sagte oft, er werde im Feuer umkommen, jedoch ohne zu wissen, dass es schon geschehen war. Anstatt zu schreiben versuchte er nun zu malen, aber er merkte selbst, dass es sinnlos war. Eigentlich konnte er gar nichts, vielleicht nicht einmal schreiben. Vielleicht gab es ihn gar nicht.

Mutter.

- Wir liebten die Villa, wahrscheinlich sogar mehr als einander. Aber während meine Liebe ehrfürchtig war – jede Tür führte dort ins Jenseits, dem auch ich auf eine geheimnisvolle, unerklärbare Weise entstammte – , bestand Mutters Liebe zur Hälfte aus Zorn. Als wir keine Bediensteten mehr hatten, bohnerte sie die Fußböden trotzdem genau so häufig, übertünchte selbst die Risse in der Decke und entstaubte alle Zimmer bis zur letzten Porzellanfigur. Immer und immer wieder. Und zu Mittag kochte sie jeden Tag drei Gänge, sonntags eine Stunde später. Das war Krieg.

Vater.

- Man durfte nie an einem Ort verweilen. Nicht er hat den Lebenssaft aus der Erde gesogen, sondern die Erde aus ihm.

Mutter. - Alles musste so bleiben wie vorher. Das hat sie am Ende umgebracht.

Im Leben jedes Menschen kommt irgendwann zwingend der Punkt, an dem er die Versprechen aufzählen muss, die er vor seinem Abschied einlösen möchte, sagte der Bruder. – Du warst für mich immer eines davon.

- Am Anfang wurden meine Hände zittrig, sobald sie eine altbekannte Sache aus der Villa hielten. Wie könnte ich ein Preisschild an die Uhr hängen, die auf dem Schrank meine Stunden gezählt hatte, als ich noch ein Kind war, dachte ich. Wie sollte ich die Fünf-Uhr-Teetassen meiner Eltern im Schaufenster ausstellen, wenn doch alle Gäste, die durch die Glasscheibe blickten, trotzdem durstig blieben, dachte ich. Aber nun, wenn ich zufällig auf einen Gegenstand aus meiner Jugend stoße, begrüße ich ihn wie einen alten Freund auf Wanderschaft, der sich auf staubigen Landstraßen entschlossen hat, auch mich kurz aufzusuchen, um zu hören, wie es mir geht.

Als der Bruder am nächsten Nachmittag im Antiquariat vorbeischaute, konnte er die Silberlöffel aus der Villa mit eigenen Augen betrachten, und Laila war froh, dass er sich auf dem schmalen Klappbett in der Küche hatte ausruhen können, denn jetzt, im Tageslicht, schienen seine Wangen nicht mehr ganz so eingefallen und seine Augenringe waren verschwunden.  

- Nichts als turteln, und das zur besten Geschäftszeit, brummte der ziegenbärtige Antiquar. – Dies ist übrigens ein Laden, in dem Geschäfte gemacht werden, fügte er hinzu, während er den Staub von einem schweren Schwan in vierfacher Lebensgröße wischte, den sowieso nie jemand kaufen würde. Mit seiner Behauptung hatte er keineswegs Recht, denn außerhalb der Jahrmarktzeiten verirrten sich bestenfalls ein Dutzend Leute pro Woche in den dunklen, etwas muffigen Laden. Ausgenommen der Apotheker, der manchmal nachmittags auf eine Partie Schach vorbeikam und die pfiffigen Patienten, die ihre Rezepte zu diesem Zeitpunkt hier abzuliefern wussten. Aber die kauften dem ziegenbärtigen Antiquar nie etwas ab.  

- Wissen Sie, ich würde vielleicht dieses Bild nehmen, sagte der Bruder und deutete auf ein kleines Gemälde von einer Frau mit lockigem Haar und einem leicht verschreckten Gesicht, auf deren Schoß ein molliges Baby saß, das seltsamerweise eine Spindel in der einen Hand hielt und mit ernster Miene ein großes Kreuz betrachtete, das es in der anderen hatte.  

- Aber das ist sehr wertvoll, lachte der ziegenbärtige Antiquar. – Ein altes Meisterwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert.  

- Wer auch immer Ihnen das verkauft hat, hat Sie gehörig an der Nase herumgeführt, sagte der Bruder. – Das Original hängt im Prado und ist ungefähr zweieinhalb Mal so groß. Ich gehe es mir immer anschauen, wenn ich zufällig in der Gegend bin. Aber ich würde mich freuen, wenn mich jeden Morgen beim Aufwachen etwas an diese Momente erinnerte. Außerdem ist es gut möglich, dass ich irgendwann einmal denjenigen kannte, der diese Kopie angefertigt hat.  

Er nahm ein Bündel Fünfhunderter aus der Hosentasche, das nur von einem Gummiband zusammengehalten wurde, und zählte eine Summe auf den Tresen, welche die Erwartungen des Antiquars bei weitem übertraf. Genau in diesem Moment schlug die Wanduhr zwölf, eine Uhr mit großen Gewichten, die ein geheimes Eigenleben führte und die zwar funktionierte, wenn man sie pflegte, deren beide Zeiger jedoch dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen waren.  

- Das sollte mehr als genug sein, sagte der Bruder. – Lassen Sie es bitte ins Schlosshotel liefern.  

- Übernachtest du denn nicht mehr bei uns? fragte Laila erschrocken.

- Ich werde sogar etwas länger hier bleiben, möchte dir aber nicht zur Last fallen, sagte der Bruder. – Aber wenn du einverstanden bist, schaue ich heute Abend kurz vorbei.  

Er nickte dem ziegenbärtigen Antiquar zu und trat durch die Tür hinaus, sein langer Mantel wehte hinter ihm her.  

- So ist er nun mal, mein Bruder, sagte Laila und errötete wie ein Schulmädchen, das Blumen geschenkt bekommen hat.

 

Als erster erwachte der Notar. Sein Brief mit den großen Initialen steckte in einem festen, schneeweißen Umschlag und erreichte den Bruder, als der gerade in seinem Zimmer einen alten Western von einem namenlosen Revolverhelden schaute, den eine Kleinstadt angeheuert hatte, um sie vor ein paar Banditen zu schützen, die aus dem Gefängnis entlassenen worden waren. Gerade hatte man dem Helden als Gegenleistung versprochen, jeden seiner Wünsche zu erfüllen, und als erste Amtshandlung hatte der den zwergwüchsigen Gehilfen des Barbiers mit einem Schlag zum neuen Sheriff und Bürgermeister ernannt.  

- Ich wurde gebeten, die Antwort abzuwarten, sagte der Kurier von der Tür aus.  

Eigentlich hatte er den Film ja schon früher gesehen und wusste sehr wohl, wie es weiter gehen würde.  

- Sagen Sie ihm, dass ich komme, erwiderte er.

- Sie sagen also, fuhr der Notar fort, während er den verschnörkelten Henkel einer schweren Teetasse, durch den seine Finger nicht passten, geschickt hielt, beziehungsweise Sie behaupten, das Ziel Ihres Besuches sei nicht, die Rechte Ihrer Schwester anzufechten, als Alleinerbin Ihrer Eltern aufgetreten zu sein, und davon ausgehend natürlich auch nicht, um zu beantragen, dass die Änderungen der Besitzverhältnisse, die auf die durchgeführten Rechtsakte auf der Basis der von Ihrer Schwester unterzeichneten Vollmachten zurückzuführen sind, annulliert werden?

 - Ich sagte schon, dass ich gekommen bin, um sie zu besuchen.

 - Denn – ich hoffe, dass Sie als vernünftiger Mensch mich verstehen – wenn Sie zufällig eine solche Absicht haben sollten, was mich überhaupt nicht überraschen würde, übrigens, denn es wäre doch verständlich, wenn Sie in diesen Angelegenheiten absolute Klarheit brauchten, das heißt, wenn Sie irgendwann einmal beschließen sollten, etwas in dieser Richtung unternehmen zu wollen, dann möchte ich Ihnen sagen, nicht dass ich irgendwelche Anspielungen machen möchte, das nicht, aber ich möchte sagen, dass erstens, Sie in diesem Falle bereit sein müssten, etliche Ihrer Aussagen wesentlich gründlicher und dokumentierter zu belegen, nicht wahr, denn so lange Sie einfach der Bruder sind, der einfach bei seiner Schwester zu Besuch ist, dann ist das sozusagen Ihre Privatsache, Sie verstehen mich doch, aber wenn Sie sich entschließen, ein Bruder zu sein, der die Unterschrift seiner Schwester unter bestimmten Dokumenten anficht, dann wird die Sache sozusagen öffentlich, Sie begreifen doch den Unterschied, und das hat natürlich Folgen, was mich zu einer anderen Sache führt, die ich Ihnen erzählen möchte, denn schauen Sie mal, Sie haben hier in der Stadt nur ein paar Tage verbracht, ich aber mein ganzes Leben, weswegen ich meine, dass ich Sie in gewisser Weise beraten könnte, nicht wahr, die Sachlage beleuchten, sozusagen.  

- Sie haben mich zum Tee eingeladen. Ich bin gekommen. Trinken wir also Tee.  

Die Hände des Notars zitterten leicht, als er aus der schweren Kanne beiden Tassen Tee nachschenkte.  

- Was ich damit sagen will, ist, dass viele sehr angesehene Menschen in unserer Stadt, ich würde sogar sagen, die Säulen unserer kleinen Gemeinde, Sie wissen schon ungefähr, vom wem die Rede ist, nicht wahr, kurz gesagt, wenn es aus irgendeinem Grund so abspielen sollte, wie ich es vorher beschrieben habe, dass die Umstände sich vielleicht ändern und Sie sich doch mit diesen Fragen beschäftigen möchten, dann könnte das für einige Menschen, wie soll ich sagen, unangenehme Überraschungen bergen, was nicht unbedingt einen günstigen Verlauf der Dinge bedeuten muss, weder für Ihre Schwester noch für Sie, denn sehen Sie, in der Hauptstadt und woanders in der Welt herrscht die eine Ordnung, aber wir haben hier unsere eigene Ordnung, das begreifen Sie doch, und wir haben uns daran gewöhnt, nur Sie vielleicht nicht, und das müssen Sie ja auch nicht, denn mir ist schon klar, dass Sie eher ein Mann der reisenden Lebensweise sind, aber andererseits, Ihre Schwester ist doch nicht so, und sie hat sogar einen noch größeren Teil Ihres Lebens vor sich, so dass ich hoffe, dass Sie jeden Ihrer Schritte gut abwägen, bevor Sie etwas unternehmen. Sie verstehen mich doch? Nicht wahr? Was sagen Sie dazu?  

- Uns ist es so ergangen, wie es uns ergangen ist. Schauen wir nun, wie es Ihnen ergeht. Reichen Sie mir bitte den Zucker.

- Es ist schlimm, sagte der Notar und zündete sich eine Zigarette an.  

- Es ist schlimmer als schlimm, sagte der Anwalt, während er den Rauch der Zigarette fort wedelte. – Es ist schlimmer als schlimmer als schlimm.  

- Immer mit der Ruhe, sagte der Bankier. – Erstmal sollten wir mehr über ihn in Erfahrung bringen.  

Der Aschenbecher wurde von dem Anwaltsgehilfen Willem ausgeleert, einem rattengesichtigen jungen Mann. Willem schwieg.  

- Wir müssten herausfinden, wer er ist, fuhr der Bankier fort.  

- Aber wie? fragte der Anwalt.  

Der Bankier war ein kräftiger, um seine Gesundheit besorgter Mann, der in seinem Leben genug erreicht hatte, um eine ja/nein-Frage mit einem Wort zu beantworten.  

- Karten muss man mit ihm spielen, sagte er.

 

Nelk kam immer donnerstags, und es war Donnerstag.

Er hatte die Flasche Bier schon ausgetrunken, die er dabei hatte, er hatte sie schon mit Wasser gefüllt und die mitgebrachte Blume hineingestellt. Er war auch schon im Laden gewesen und hatte das Übliche eingekauft. Und während Laila Essen machte, hatte er schon überprüft, ob der Wasserhahn im Badezimmer immer noch tropfte, und er tropfte, und er hatte ihn schon repariert, so dass er nun dauerhaft halten sollte. Er hatte schon die heutigen und auch die gestrigen Zeitungen gelesen und etwas Radio gehört. Er hatte schon seine Lieblingskohlrouladen gegessen, bis er nicht mehr konnte, und er hatte sich diesmal ausnahmsweise darüber gewundert, dass Laila so viele gemacht hatte. Er hatte schon gefragt, ob es etwas Neues gäbe, und er hatte auch schon, ohne die Antwort abzuwarten, geäußert, wie toll es war, dass wenigstens eine Person – er, Nelk – Laila nicht der trostlosen Einsamkeit überließ. Ausnahmsweise hatte er sich diesmal schon darüber gewundert, dass Laila das Bett noch nicht gemacht und sich noch nicht gewaschen hatte.  

Plötzlich waren die Schritte von Weltenbummlerstiefeln auf der Treppe zu hören und es klopfte an der Tür.  

- Guten Abend, sagte der Bruder.  

- Hallo, sagte Laila.  

- Guten Abend, sagte Nelk.  

Sie schauten sich an, bis alles klar war.  

- Scheint so, als müsste ich gehen, sagte Nelk und stand auf.  

Woher hätte er auch wissen sollen, dass seine mitgebrachte Blume früher eine ganze Woche in der Vase gestanden hatte, dann aber plötzlich schon montags verblüht war, sich dann kaum bis zum Wochenende gehalten hatte und nun schon mit dem Freitagmorgenmüll entsorgt wurde? Laila versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, welchen Beruf der Mann hatte. Leiter der Austragungsabteilung der Post? Schreiber in der Kanzlei des Bahnhofsvorstehers? Buchhalter des Blasorchesters? Sie konnte sich nicht entsinnen.  

- Ich gehe dann mal, sagte Nelk an der Tür, die hochroten Wangen erschlafft, der Rücken etwas krumm und der Bauch leicht über den Hosenbund hängend, so dass Laila begriff, dass sie diesen Mann heute zum zweiten Mal in ihrem Leben sah, denn beim ersten Mal musste sie etwas an ihm beeindruckt haben, aber vielleicht hatte auch Nelk damals, noch bevor er angeschaut wurde, nicht immer genau gewusst, was er sah.

- Ich verstehe nicht, sagte der Bruder. – Ich verstehe nicht, warum du die Welt so hast auf dir herumtrampeln lassen.  

- Weil ich gehofft habe, dass sie daneben tritt, entgegnete Laila.

- Trotzdem.  

- Aber hatte ich denn eine Wahl? fragte Laila. – Ich habe mir wirklich einen Freund gewünscht. Aber keiner hat mich beachtet. Glaubst du, wenn sie mich ansahen, dann sahen sie in mir das schmächtige Mädchen mit den schmalen Lippen und dem bleichen, strähnigen Haar, das seine Hände versteckte? Nein. Sie sahen eine hohe Treppe aus blauem Stein, sie sahen geschwungene goldene Dächer und eine stolzen Limousine, die unter dem Fenster geparkt war, und es war ihnen egal, dass man mit der schon lange nirgendwohin mehr fahren konnte. Sie sahen den Nachnamen meines Großvaters, in dem sich alle seine Verwandten vom Anbeginn aller Zeiten widerspiegelten. Und wenn die Illusion sich auflöste – das passierte sofort, wenn ich etwas sagte, das sie in Wirklichkeit natürlich hörten –, dann flohen sie, jeder auf seine Weise, mancher sogar ohne sich zu verabschieden. Weißt du – als diese ganze erniedrigende Geschichte vorüber war und sie mich um alles geprellt hatten, was wir jemals besaßen, und ich zum Schluss hier gelandet war, mittellos, ohne etwas zu können, nur mit der Last der Erinnerungen, da wollte ich zuerst einfach nur weinen und schreien, aber dann wurde mir klar, dass ich eigentlich froh war. Darüber, dass nun alles vorbei war. Dass ich frei war. Dass ich nur ich selbst war. Und dass es mir weiterhin gut oder so schlecht gehen mochte, es aber einzig und allein an mir lag.  

Sie schluckte.  

- Er ist bis heute schwer für mich, fuhr sie fort, wenn die Leute mich aus Gewohnheit grüßen, als wäre ich ganz die Alte. Ich kann sie nicht zurückgrüßen, und trotzdem tun sie es – die Lehrerin Soola oder Frau Simbel oder die Zwillingsjungen Hendrik und Hindrek – naja, man kann sie kaum mehr Jungen nennen –, deren Mutter früher einmal Köchin in der Villa war, oder Gabriel, du weißt schon, dieser Fotograf, in den ich auf dem Gymnasiums eine ganze Zeitlang heftig verliebt war, obwohl ich mich innerlich dagegen sträubte. Wie kann es sein, dass sie es nicht begreifen? Das bin doch gar nicht ich, die sie kennen.  

- Ich verstehe, sagte der Bruder.  

- Tust du nicht, seufzte Laila. Du denkst immer noch, dass ich in Wirklichkeit so bin wie du. Stark. Eine, die alles schafft.  

- Nein, antwortete der Bruder. – Ich denke nichts von dir, was ich nicht auch sehe, denn ich liebe dich so wie du bist. Aber es scheint mir, dass du dich hast verbiegen lassen. Vielleicht ist es so bequem, aber es ist ganz sicher nicht richtig, und noch schlimmer ist es, andere dafür zu beschuldigen. Wer nie etwas gibt, der bekommt auch nichts.  

- Ich will nichts von ihnen. Überhaupt nichts.  

- Das meinte ich doch, sagte der Bruder.

Das ist bestimmt ein Telegramm, oder vielleicht hat ein Kaufhaus einen so dicken Katalog geschickt, dass er nicht in den Briefkasten passt, dachte die Frau, während sie die Treppe hinuntereilte, denn wer sonst sollte um diese Uhrzeit an der Tür klingeln. Auf dem Weg nach unten bemerkte sie ein Blatt Papier auf dem Küchentisch – aber das hatte Zeit, bestimmt hatte ihr Mann eine Einkaufsliste hingelegt sowie Anweisungen für das Abendessen. Jetzt rückte sie ihren Morgenmantel zurecht, fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste Haar und öffnete die Tür.  

Auf der Treppe stand ein wildfremder sonnengebräunter Mann mit Weltenbummlerstiefeln, kräftig aber nicht plump.

- Ich habe gehört, dass Sie einen Gärtner suchen, sagte der Mann.  

- Ja, stimmt, ich habe mit meinem Mann schon oft darüber geredet, dass der Garten in Ordnung gebracht werden müsste, sagte sie. – Aber wir haben noch nichts Konkretes beschlossen, fügte sie gleich hinzu. – Hier vorne mähen wir den Rasen selber, hinten ist es schon wieder ganz schön verwildert, dabei ist das so ein schönes Stück Land.  

- Deswegen bin ich gekommen, sagte der Mann. – Darf ich eintreten?  

- Natürlich, nickte sie und vergaß für einen Moment alles, was ihr Mann ihr über den Umgang mit Fremden eingeschärft hatte.  

- Ich bin nicht an einer dauerhaften Arbeit interessiert, erklärte der Mann. – Aber wenn Sie möchten, kann ich den Garten der Villa schnell wieder so anlegen, wie er einmal war, und wenn Sie dann jemanden fest anstellen, wird der diese Aufgabe ganz einfach bewältigen können. Haben Sie keine Angst – ich kenne mich aus. Ich habe bei mehreren englischen Landgütern erfolgreich meine Dienste verrichtet, außerdem haben wir noch ein paar Jagdschlösser in der Nähe von Wittenberg hergerichtet, aber dort habe ich mit den Ortsansässigen zusammengearbeitet, denn die Deutschen vertrauen Ausländern in diesen Dingen nicht besonders. Übrigens habe ich von denen viel dazugelernt.  

- Sehr beeindruckend. Wünschen Sie vielleicht Tee oder Kaffee... oder etwas anderes?  

- Ich hätte gerne ein Glas Wasser. Wenn Sie gestatten, ich habe ich auch ein Papier dabei – einen Vertrag –, das ich Ihnen zur Durchsicht dalassen würde. Sie möchten das bestimmt mir ihrem Mann besprechen.  

- Genau – solche Dinge entscheiden wir immer gemeinsam.  

- Das habe ich mir gedacht. Ist er der Eigentümer?  

- Nein... rechtlich gesehen laufen das Haus und der Besitz auf meinen Namen. Mein Mann ist in der freien Wirtschaft tätig und er meinte, dass es so besser ist, ich verstehe davon nicht viel.  -

Wie sie wünschen, lachte der Mann. – Wenn Sie gestatten, schaue ich morgen um dieselbe Zeit vorbei, dann besprechen wir die Einzelheiten und ich mache mich an die Arbeit.  

- Ich erwarte Sie.  

Ich mag diese besonderen Tage, an denen ich meinem Mann die eine oder andere unerwartete Neuigkeit zu berichten habe. Später am Abend, als der Mann zu Hause war, fiel es ihr wieder ein.  

- Weißt du, Mikk, ein seltsamer Mann hat sich gestern als Gärtner angeboten.  

- Schön, sagte Mikk, ohne seinen Blick von der Zeitung zu wenden.

- Heute ist also wieder dieser Tag, sagte Laila lächelnd, als der Antiquar zur Ladentür hereinkam.  

- So ist es, antwortete der Antiquar strahlend vor Glück. Er war beim Friseur gewesen und hatte sich den Bart zurechtstutzen lassen, er trug seinen besten blauen Anzug und ein weißes Hemd mit gestärktem Kragen, er hatte einen Schlips mit einer goldenen Nadel um und er hatte sogar seinen Spazierstock herausgekramt, dessen Knochenknauf die Form eines Löwenkopfes hatte.  

- Das Auto will ich sehen, das nicht anhält, wenn ich den hochhalte, um die Straße zu überqueren, lachte er.  

Das Geschäft war mäßig besucht – ein junges Ehepaar war da, zwei sympathische Menschen, die in ihrem Leben noch nichts Wesentliches verloren hatten und bei denen Laila sofort wusste, dass sie ihnen selbst die teuersten Schätze zeigen konnten, denn die beiden konnten sie sich sowieso nicht leisten. Der Frau sah man an, dass hier alles zu ihr sprach. Doch als Laila die Puppenmöbel vor ihr auf dem Tresen aufbaute, wurde sie völlig still, fast unbeweglich, als wären nur ihre Augen Ausdruck ihrer selbst. Die Jugendlichkeit des Paares verriet, dass es noch nicht sehr lange verheiratet sein konnte, deshalb kannte der Mann seine Frau noch nicht gut genug, um zu begreifen, was geschah, aber Laila lenke ihn ab, indem sie eine große Mappe mit alten Landkarte vor ihm ausbreitete und den Schutzbezug von einem Nussbaumstuhl abnahm, damit er die Karten auf dem Tisch in Augenschein nehmen konnte. Für gewöhnlich ärgerte es den Antiquar, wenn Laila so etwas tat, doch nicht heute – es war doch dieser Tag.  

Der Sohn des Antiquars war in die Stadt gefahren. Geschäftlich, aber immerhin.  

- Wahrscheinlich komme ich heute Nachmittag nicht mehr, ließ der Antiquar verlauteten. – Felix sagte, dass er etwas mit mir besprechen möchte, das könnte etwas länger dauern.

Der Mann mit dem langen Gesicht schwieg.  

- Und das ist Ihr letztes Wort? fragte der Notar. – Wenn ja, dann verstehen wir natürlich, dass wir Sie nicht mehr umstimmen können, aber es wäre dennoch freundlich, wenn Sie uns die Gründe Ihrer Entscheidung darlegen könnten.  

- Vor allem, da wir Ihre Reisekosten übernommen haben, fügte der Anwalt hinzu.  

Der Mann mit dem langen Gesicht blickte sie kurz an.  

- Also gut, ich erkläre es, sagte er. – Ich habe mir mit den Jahren in gewissen Kreisen einen Ruf gemacht und ich unternehme nichts, was diesem schaden könnte. Die Leute spielen nicht einfach Karten mit mir, um zu gewinnen. Sie spielen mit mir, um mich zu besiegen. Als würde im Falle, dass sie gewinnen, etwas Besonderes passieren. Etwas, von dem man noch jahrelang spräche – etwas, das ihnen einen Namen machen würde. Das ist der Grund, warum ich ab und zu einige Hände verliere – anders wäre ein Spiel ja gar nicht möglich –, doch ich stehe immer als Sieger vom Tisch auf. Da Sie mich eingeladen haben, gehe ich davon aus, dass Sie wissen, dass es keinen Zufall gibt. Meine Gegner haben den Ausgang des Spiels schon lange vor Spielbeginn entschieden. Sie sind so erpicht darauf, mich um jeden Preis zu besiegen, dass ich nur noch eins und eins zusammenzählen muss und die Falle schnappt zu. Manch einer bricht sich an seiner Waghalsigkeit das Genick, mancher an seiner Vorsichtigkeit, aber alle, die mich herausfordern, enden auf dieselbe Weise; davon lebe ich. Erst kürzlich luden Sie mich ins Restaurant ein, wo er isst, damit ich ihn kennen lernen konnte. Wie immer habe ich ihn erstmal aus einiger Entfernung betrachtet. Wenn Sie ihn jemals mit dem Blick eines Raubtiers betrachtet hätten, das zum Sprung bereit ist, dann hätten auch Sie ihn nicht angegriffen. Ich habe noch nie zuvor einen so arglosen Menschen gesehen. Ich glaube, wenn ich ihm vorgeschlagen hätte, den Abend am Spieltisch zu verbringen, dann hätte er eingewilligt, wenn auch nur um keine Gelegenheit auszulassen. Das Ergebnis aber wäre völlig offen gewesen. Möglicherweise wäre es mir gelungen, ihn zu ruinieren, aber es ist ebenso möglich, dass er mich zerstört hätte. Ich habe beobachtet, wie er isst: er hat seine Fleischstücke mit absolut gleichförmigen Bissen verzehrt und es war offensichtlich, dass es ihm völlig egal war, wie es schmeckte. Das war nicht das Einzige, was mir auffiel, aber das Einfachste. Mit ihm kann ich nicht spielen.  

- Na und, sagte der Anwalt und streckte seinen Arm aus. – Mit dem Nachmittagszug kommt Simmermann, vielleicht kommen wir mit dem ins Geschäft.  

- Wenn Sie jemals wieder einen Spieler brauchen und beabsichtigen, neben Simmermann auch mich einzuladen, dann geben Sie sich keine Mühe, sagte der Mann mit dem langen Gesicht, stand auf und setzte seinen Hut auf. – Guten Tag.  

- Ich danke Ihnen, sagte der Bankier aus der Ecke. – Eigentlich haben Sie Ihre Arbeit ja schon erledigt.  

Der Mann mit dem langen Gesicht lüftete seinen Hut und ging.

Also, sagte der Notar, was Sie gewinnen, gehört Ihnen, doch was Sie verlieren, dafür kommen wir auf. Hinzu kommen die Reisekosten, aber keine weiteren Spesen. Ich hoffe, die Bedingungen sagen Ihnen zu.  

- Kein Problem, lächelte Simmermann. – Ich melke ihn schon, keine Sorge, ich habe flinke Finger.  

- Dann ist ja gut, sagte der Bankier.

- Vielleicht sollten wir aufhören, sagte der Bruder, als Simmermann zum dritten Mal das Blatt auf dem Tisch ablegte, um Geld nachzuholen.  

- Warum denn?  

- Wir wissen doch beide, dass Ihre kleinen Tricks den Spielverlauf nicht ändern. Und Sie beginnen sich zu wiederholen, so dass es langsam langweilig wird. Außerdem ist es schon spät. Und ich brauche ich Ihr Geld nicht.  

- Wenn das so ist, dann natürlich, sagte Simmermann etwas erschlagen.

- Sechzehntausend, stöhnte der Anwalt, sechzehntausend einfach zum Fenster hinausgeworfen.

- Eigentlich hat er doch nur bewiesen, was wir schon vorher gehört hatten, stimmte der Notar zu.  

- Immer mit der Ruhe, sagte der Bankier. – Ich habe an alles gedacht.

In der Gasse hinter der Kneipe war eine Laterne kaputt, und dort warteten sie auf ihn. Sie waren zu dritt, doch im schwachen Licht einer entfernt scheinenden Laterne konnte man nur zwei Schatten ausmachen. Der Dritte im Bunde stand mucksmäuschenstill in einer Türnische.  

- Immer langsam, Bruder, sagte ein vor ihn tretender Koloss von einem Mann. – Greif’ mal tief in die Tasche.

Sein Blick glitt über das bärtige Gesicht des Mannes und kurz darauf erspähte er auch den anderen, etwas kleineren Auflauerer, dessen glattes Haar gescheitelt war und der unpassenderweise ein elegantes Seidenhemd trug. Leise spielte er mit etwas in der Hand, bestimmt war es ein Messer.  

- Ich hatte heute ein glückliches Händchen, sagte der Bruder. – Meinen Gewinn überlasse ich euch gerne, aber wenn ihr mir das wegnehmen wollt, was ich von zu Hause mitgebracht habe, dann muss ich mich verteidigen.  

- Was meinst du? fragte der Dünnere den Dickeren.  

- Schwachsinn, dann bleibt für uns ja gar nichts mehr übrig, sagte der Dickere. – Wir nehmen alles.  

- Man kann nicht sagen, ich hätte euch nicht gewarnt, sagte der Bruder schulterzuckend.

Als erster erlangte Viiking, der von hinten hätte angreifen sollen, sein Bewusstsein wieder. Der Fußtritt an die Schläfe hatte ihn unvorbereitet getroffen und ihn auf den Rücken geschleudert, so dass der Rest der Prügelei ohne ihn stattfand. Er stand mühsam auf und hörte Siisike in der Nähe stöhnen – der Junge war auf die Nase geschlagen worden und sein Blut floss in Strömen. Kapp aber lag inmitten einer Lache, mit dem Gesicht auf dem Pflaster, und Siisikes Messer steckte in seinem Oberschenkel. Mit großer Mühe schafften sie es, ihn an die Wand zu schleifen, und Siisike war gezwungen, sein ohnehin blutiges Hemd in Streifen zu reißen, während der etwas weniger lädierte Viiking die nächste Kneipe aufsuchte und eine Flasche billigen Rum holte. Er kippte ihn in Kapps Rachen, und erst als der Kehlkopf des Freundes zu zucken begann, begriff er, dass nichts Schlimmes passiert war.

- Und überhaupt, Mikk, sagte die Frau, mir scheint, als müssten wir uns andere Möbel zulegen. Zumindest für das Wohnzimmer.  

- Warum denn, Milla, fragte der Mann und legte die Zeitung beiseite. – Die sind doch stilvoll. Da ist Geschichte drin.  

- Aber nicht unsere Geschichte, antwortete die Frau. – Man findet nicht lange Gefallen an Dingen, die einem nicht gehören. Als ich klein war, da gab es bei uns keinen solchen Buffetschrank und solche Kommode und solchen Teetisch mit schiefen Beinen und solche Stühle mit Monogrammen in der Lehne, und auch niemand, den ich kannte, hatte so etwas, und ich könnte schwören, dass es bei euch zu Hause auch nichts dergleichen gab.  

- Nein, sagte der Mann, gab es nicht, aber das heißt nichts.  

- Ich möchte etwas Eigenes, fuhr die Frau fort, ich meine das ernst. Selbst wenn der Garten so angelegt wird, wie er einmal war, dann müssen wir doch dafür bezahlen, so dass er jetzt auch sozusagen unserer ist, denn zwischenzeitlich war er lange nicht so, nicht wahr, und ich möchte Designermöbel, zum Beispiel aus Mailand, und türkische Teppiche, und anstelle der fremden Gemälde möchte ich selbst etwas aussuchen.  

- Wir haben für diese Gemälde und diese Möbel bezahlt, das heißt, sie gehören uns.  

- Och Mikk, du weißt doch, was ich sagen möchte, sagte die Frau, während ihre Stimme unscharf wurde. – Wir verkaufen das alles hier, und lass’ mich stattdessen etwas aussuchen, das mich anlacht, nicht mit stechendem Blick anstarrt. Warum willst du mir das verbieten?  

- Hat dir dieser Spinner diesen Floh ins Ohr gesetzt? fragte der Mann nun noch ungehaltener.  

- Nein, antwortete die Frau unerwartet selbstbewusst. – Darauf bin ich ganz alleine gekommen.

- Wahrscheinlich zwei, drei Tage, vielleicht etwas mehr, hatte der Antiquar gesagt. Er hatte sich auf dem schweren Schwan in vierfacher Lebensgröße abgestützt, den sowieso nie jemand kaufen würde, und obwohl er allen Grund zur Freude hatte, wirkte er etwas betrübt.  

- Dann ist doch alles gut, hatte Laila ihm geantwortet. Hinter der Tür war der unerträgliche Ton von Felix’ Autohupe ertönt.  

- Ja, hatte der Antiquar geseufzt, alles ist gut. Ich bezweifle gar nicht, dass du in der Zwischenzeit glänzend zurechtkommst.  

Laila hatte auch vorher schon manchmal ganze Tage alleine sein müssen, wenn der Antiquar in einen nahegelegenen Ort gerufen wurde, um sich Antiquitäten anzusehen, und die Einladung des Sohnes konnte er unmöglich ablehnen, nach all den Jahren. Aber zwei, drei Tage am Stück waren wirklich noch nicht vorgekommen. Obwohl der Antiquar Recht hatte. Sie kam zurecht.  

- Sie sehen trotzdem irgendwie besorgt aus, hatte Laila bemerkt.  

- Ach, nichts, hatte der Antiquar abgewinkt, als würden sich die Probleme so von selbst lösen.  Das war am Morgen gewesen, nun war es Abend.

Der Lastwagen fuhr zehn Minuten vor Ladenschluss vor und Laila krampfte sich der Magen zusammen, als sie die große Ladung sah, die er lieferte. Sie hatten den Fahrer nur für die Lieferung bezahlt, nicht für das Hineintragen. Der Himmel war bewölkt und ein paar Tropfen fielen auf den Buffetschrank und auf die Kommode und auf den Teetisch mit den schiefen Beinen, als Laila unter der Kassenschublade nachsah, ob dort zufällig ein Geldschein steckte. Früher hatte sie manchmal Glück gehabt.  

- Der Rest kommt nächste Woche, sagte der Fahrer. – Machen Sie sich bereit.

Der Bruder sah sie erst am Abend vor dem Laden sitzen, aber zum Glück hatte es doch nicht angefangen zu regnen. Die Ladenetage wurde nun so vollgestellt, dass man dort keinen Schritt mehr tun konnte, und der schwere Schwan in vierfacher Lebensgröße, den sowieso nie jemand kaufen würde, stand noch mehr im Weg als sonst. Einiges mussten sie ins Büro tragen, einiges in den Keller, einiges konnten sie vielleicht anders unterbringen. All dies musste gut bedacht werden.

S. 100-105

Für den Anfang, entschied Laila, sollten wir hier einiges umgestalten.  

Nachdem ihr bewusst geworden war, dass der Geschäftszustand des Ladens gar nicht so schlecht war, schloss sie ihn für ein paar Tage. Der ziegenbärtige Antiquar besaß am Stadtrand ein kleines Haus mit Garten, das er auch weiterhin als Sommerwohnsitz nutzen wollte, aber er hatte oft in seinen Büroräumen im ersten Stock über dem Laden zu übernachten gepflegt, die ursprünglich tatsächlich als Wohnung gedacht waren. Diese ließ sich Laila nun herrichten, denn sie hatte nicht vor, jemals wieder auch nur einen Fetzen Wäsche von jemandem zu waschen, den sie nicht liebte. Der vernachlässigte Zustand der Wohnung war ihr natürlich ein Dorn im Auge. Die Renovierungsarbeiten übernahmen nun mit Vergnügen die Zwillinge Hendrik und Hindrek, zwei junge Männer, deren Mutter früher einmal Köchin in der Villa gewesen war, und nachdem sich die Zimmer im ersten Stock von den düsteren Kammern eines alten Junggesellen zu einem gemütlichen und lichtdurchfluteten Zuhause gewandelt hatten, ließ Laila auch ihren Buffetschrank, ihre Kommode und ihren Teetisch mit den schiefen Beinen hinauftragen, und natürlich auch ihre Stühle mit Monogrammen in der Lehne; und obwohl sie nun neue Tassen hatte, rührte sie den Zucker immer noch mit den Silberlöffeln aus der Villa um.  

Da bin ich nun also, dachte sie. Frei wie früher, aber voller guter Erinnerungen.  

Doch das war noch nicht alles. Auch im unteren Stockwerk, im Geschäft, konnte sie nun verwirklichen, wovon sie jahrelang geträumt hatte. Sie entschied, dass ein Antiquariat nicht dunkel und muffig sein musste, und stellte die Möbel nach ihren eigenen Vorstellungen um. Und natürlich verschaffte sie ihnen frische Luft. Und Licht, nicht nur am Tag: alle alten Decken- und Tischlampen, die ihren Dienst noch taten, ließ sie anschließen, so dass sie abends freudig strahlen konnten. Von den Stühlen aus Nussbaumholz entfernte sie die Schutzbezüge, die das Hinsetzen verboten.  

Und an der hinteren Wand ließ sie auf einem kleinen Extratisch ein Puppenhaus errichten, vollständig mit Puppenmöbeln ausgestattet, und sie stellte alle kleinen Lampen einzeln dort hinein, damit die verschwundene Welt zurückkäme, und vor das Puppenhaus stellte sie ein Schild auf den Tisch mit der strengen Aufschrift „ist wirklich nicht zu verkaufen“.  Wie war ihr das alles gelungen?

Wie war es möglich, dass in dem engen und vollgestopften Laden plötzlich so viel Platz war? Vielleicht, weil Laila als Allererstes die Zwillinge gebeten hatte, den Schwan in vierfacher Lebensgröße, den sowieso nie jemand kaufen würde, aus dem Ladenraum hinaus auf den Rasen vor die Tür zu stellen.  - Soll er wenigstens das Haus bewachen, wenn er schon nicht fliegen kann, sagte sie.

Der rattengesichtige Willem erinnerte sich noch sehr genau an den Tod von Lailas Vater – sonst hätte Laila die Villa ja auch nicht erben können – , doch bis jetzt hatte er sich keine weiteren Gedanken darüber gemacht, abgesehen davon, dass er die Unterlagen des Anwalts durchwühlt hatte. Schließlich war es normal, dass das örtliche Abendblatt des Städtchens auch Nachrufe auf die Mitbürger veröffentlichte, die der Tod in der Fremde ereilt hatte. Zumindest für jene, deren Schicksal für die Leser von gewissem Interesse sein könnte, und der ehemalige Hausherr der Villa mit seiner großzügigen Art war zweifelsohne ein solcher Fall. Und wenn man davon ausging, dass der Bruder – wo auch immer – beim Vater aufgewachsen war, dann... dann lag die Lösung vielleicht gar nicht mehr so fern.

Am nächsten Abend war Willem, mit dem richtigen Datum bewaffnet, wieder zurück in der Bibliothek. Heute arbeitete hier eine andere Tante, untersetzt und grauhaarig, die sich über Willems Bitte kein bisschen wunderte, obwohl dieser Jahrgang des Abendblatts von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Der gesuchte Artikel befand sich in einer wenige Tage älteren Ausgabe als vermutet, was verständlich war, denn damals war der Nachrichtenfluss deutlich langsamer als heutzutage.  

Der rattengesichtige Willem las. Er las vom Brandschaden im Hotel, er las von dem kleinen Jungen, der ins Haus rannte, um seinen Teddybären zu holen, er las vom Vater, der sich, um sein Kind zu retten, in die Flammen stürzte, aus denen es für keinen von beiden ein Entkommen gab.  

Er lächelte. Natürlich nicht weil, sondern obwohl diese Geschichte traurig war. Es gefiel ihm, mehr zu wissen als andere.

Als Laila am Morgen die Treppe hinunter stieg, um den neu gestalteten Laden zum ersten Mal zu öffnen, stand schon jemand auf der Treppe vor der Tür und schaute durchs Fenster hinein.

- Bitte, sagte Laila und machte die Tür auf.  

Es war ein ungefähr sechzigjähriger oder etwas älterer Mann, der jedoch kräftig und gesund wirkte. Er trug eine kurze Hose und eine dünne Jacke über einem einfachen Hemd, und in der Hand hielt er eine Schirmmütze. Er war braun gebrannt.  

- Guten Tag, sagte er, wir wollten fragen...  

- Ja? wartete Laila, als der Mann verstummte. Nun fiel ihr auf, dass draußen noch jemand stand, eine ebenso braun gebrannte Frau etwa im selben Alter wie der Mann, die den Schwan in vierfacher Lebensgröße, den sowieso nie jemand kaufen würde, eindringlich betrachtete.  

-Dieser Vogel da draußen, fuhr der Mann fort. – Ist der zu verkaufen?  

- Natürlich, erwiderte Laila.  

- Dann ist ja gut, sagte der Mann. – Es geht darum... kurz gesagt, wir würden ihn gerne kaufen.  

- Wir zahlen jeden Preis, fügte die Frau hinzu, die nun auch in den Laden getreten war.  

- Na hör mal, sagte der Mann zu ihr.  

- Wir zahlen jeden Preis, wiederholte die Frau. – Und glauben Sie ja nicht, dass wir komische Käuze sind. Es ist nur so, dass wir schon so einen Schwan haben, genau so groß, in unserem Garten, an einem kleinen Teich.  

- Allein, erläuterte der Mann.  

- Genau, sagte die Frau. – Sie wissen doch, dass Schwäne ihr Leben lang niemals den Partner wechseln?

Das muss gefeiert werden, dachte Laila. Ich organisiere eine kleine Feier, dachte Laila, und dieser Gedanke erschien ihr ganz und gar nicht seltsam. Ich lade Gäste ein, bestelle im Restaurant etwas zu Essen und besorge Sekt. Ich lade Hendrik und Hindrek und deren Mutter ein, und dann lade ich die Lehrerin Soola ein und Frau Simbel und den Fotografen Gabriel auch, ist doch egal, dass ich schon lange nicht mehr in ihn verliebt bin. Und natürlich lade ich meinen Bruder ein, der dies alles möglich gemacht hat.  

Sie blickte in den Spiegel, und das Gesicht dort im Spiegel erkannte sie wieder.

 

Übersetzt von Wiebke Jürgens


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