Der Hauptpreis

Short stories

Liebes, ich vermisse dich so sehr. Immer, wenn wir getrennt sind, entsteht in mir diese Lücke, die ich mit nichts füllen kann. Schlaflos wälze ich mich im kalten Bett des Hotelzimmers, drehe mich zwischen den Laken wie eine schwitzige, vergessene Wurst; die Einsamkeit schnürt mir den Hals zu.

Am Anfang, wenn ich gute Laune habe, spaziere ich durch die Straßen und es ist so angenehm, unbekannt und allein in einer fremden Stadt in einem fernen Land zu sein, wo mich niemand kennt, all das Fremde zu verschlingen, die Augen wie Vergrößerungsgläser. Aber dieses gute Gefühl dauert nur ein paar Stunden an, im besten Falle einen Tag, dann beginnen wieder langsam diese verfluchte alte Leere und das Vermissen in mich zu strömen.

Ich ahnte schon, dass etwas im Straßenbild dieser Stadt falsch ist, so als fehlte etwas. Schließlich verstand ich, dass es die alten Männer waren. Weder in den Läden, noch in den Cafés, den Parks, den Straßen waren sie zu sehen. Ich habe wohl während meines eigenen Alterns begonnen, die alten Männer zu suchen und zu verfolgen, mir vorgestellt, was mich erwartet. Aber dort in der Stadt waren auf den Straßen nur junge. Es gab auch mittelalte, selbst ältere Frauen gab es, aber keine Männer. Ich forschte etwas nach und bekam als Antwort, dass die alten Männer seit dem Krieg aus waren. Der Krieg endete vor zwanzig Jahren und von denen, die mit Leben und Verstand davongekommen sind, gibt es nur wenige. Am Abend jedoch sah ich diese alten Herren, die noch übriggeblieben waren. Sie kamen auf die Straßen, standen vor ihrem Haus, wankten, gingen nirgendwohin, standen einfach in der Dunkelheit, blickten mit verständnislosen Gesichtern vor sich, die Welt zischte an ihnen vorbei. War der Krieg für sie noch nicht vorüber? Oder hatten sie etwa längst ihre Schlachten verloren? Und deswegen bewegen sie sich jetzt nur in der Dunkelheit? Sie wanken im Wind, so einsam, so traurig, niemand schafft es, sie zu trösten. Wir alle haben wohl unseren eigenen Krieg. Und dann spürte ich, wie diese alte und bekannte Schwere herankroch. Und wie jedes Mal begann ich daran zu zweifeln, warum ich überhaupt in diese Stadt, zu diesem Festival gekommen bin. Ich wäre doch überall gerne mit dir zusammen. Würde gerne alles teilen, was ich sehe und fühle, alles was du fühlst. Nur du schaffst es, die Leere in mir zu füllen, die Löcher in meiner Seele.

Wenn diese Leere schon über mich kommt, verlieren all diese Veranstaltungen, all diese Festivals, wegen derer ich irgendwohin gefahren bin, jegliche Substanz und Bedeutung. Alle anderen Schauspieler scheinen mir auf einmal so dumm und bizarr und ich beginne das auch zu zeigen und werde selbst bizarr, verhalte mich allen gegenüber überlegen und beleidigend. Wobei sie doch gar nicht schuld sind, dass sie nicht du sind. Dich gibt es nur einmal. Du hast dein Leben und wir können ja nicht immer und überall zusammen sein. Und wenn mich schon einmal dieses dumme und leere Gefühl überkommen hat, dann inszeniere ich auch schlecht. Mein warmer Sinn für Humor, meine Empathie und meine gute Kommunikationsfähigkeit haben mich verlassen. Andere Menschen, mit denen ich Kontakte knüpfen, Gespräche führen könnte, halten sich von mir fern, sie haben nichts, das sie mich fragen könnten oder wollen mich dann nicht stören oder aufbringen. Meine Körpersprache schreckt sie anscheinend schon im Voraus ab. Ich verfalle in Selbstmitleid, spüre, dass mich niemand braucht. Ernsthaft, wer braucht mich? Du und unsere Mädchen, das hoffe ich so sehr. Und dieser Gedanke beruhigt mich, aber umso mehr spüre ich, dass ich ohne dich weder Kontext noch Stimme habe. Und du wirst von Stunde zu Stunde immer mehr zu einem Traum. Sodass ich sogar zu zweifeln beginne, ob es dich überhaupt gibt. Als ich jünger war, da hoffte ich und wartete, dass ich mich im Laufe der Zeit ändern würde. Ich habe Momente gesehen, in denen mein Jugendfreund Gott für sich entdeckt hat. Eine Klarheit und eine Ruhe und eine Entschlossenheit, die neidisch machen, es war fast immer jemand zur Stelle, war da und hielt ihn fest. Er war nie mehr allein. Ich habe in meinem Leben nicht auf einen Gott gewartet, ich habe auf dich gewartet, und der gleiche Gott, den mein Kindheitsfreund gefunden hat, der Gott, der ihn stark und fröhlich gemacht hat, sieht, wie glücklich ich darüber bin, dass ich dich habe, meine Göttin. Wenn ich aber von dir entfernt bin, falle ich wieder zusammen, in mir gibt es nichts, das mich aufrecht hält. Meine Stimmung fällt von oben nach unten wie ein nasser Lumpen. So auch dieses Mal.

            Von außen betrachtet war mein Auftritt tadellos, aber es fehlte dieser innere Glanz, den das Sichgehenlassen unter sich begraben hatte. Und das Publikum und die Jury (ja, dieses Mal gab es auch eine Jury und einen Hauptpreis) verstehen das. Die Veranstalter gingen mit cleveren, vielversprechenden Gesichtern umher, man flüsterte über den Hauptpreis. Mich aber überzeugte oder motivierte selbst dieser Hauptpreis nicht, denn ich sah, wie begabt die anderen sind, in welch guter Form, wie gut und stürmisch sie aufgenommen wurden. Nach den Auftritten des Letten und des Norwegers erhob man sich sogar, der Applaus wollte und wollte nicht enden. Nach meinem Auftritt wurde zwar geklatscht, aber es war zu spüren, dass sie das nur formal und aus Höflichkeit taten, so wie ich eben nur formal gewesen war. Es war klar, dass ich den Hauptpreis nicht bekommen würde.

            Ich schloss mich im Hotelzimmer ein und weinte sogar. Ich träumte, dass du mir so nah bist, ich dich aber nicht berühren konnte. Du warst unter einer Art Kuppel, einige Zeit später klärte sich, dass es ein Nutella-Glas gewesen war, das schon leer war, an den Glaswänden waren jedoch noch einige Reste geblieben. Du lächeltest, du weißt schon, dieses Lächeln, das mich umhaut, und dann fingst du an, dich auszuziehen, du behieltst nur die Strümpfe an und dann nahmst du mit den Händen Nutella von der Wand und riebst dich damit ein. Seltsam, dabei schmeckt uns beiden Nutella doch gar nicht. Du beschmiertest dich von oben bis unten mit Schokolade, du warst so glitschig und braun und so bereit und hast auf mich gewartet und mich gerufen, du hast deine wunderschönen Schenkel wie zwei Träume gegen das Glas gedrückt. Dann drehtest du dich um und drücktest auch deine Brüste und deinen Bauch gegen das Glas, davon blieben unvergleichliche braune Abdrücke zurück, in denen ich etwas Bedeutungsvolles sah, etwas Kryptisches. Du öffnetest den Mund und lecktest gierig und durstig Schokolade. Ich versuchte, dich zu berühren, dich zu greifen, aber das Einzige, das ich spürte, war das kalte und glatte Glas.

            Den ganzen nächsten Morgen onanierte ich im Badezimmer, der Duschvorhang klebte an mir wie der Traum. Danach versuchte ich, dich anzurufen, erreichte dich allerdings nicht und spürte, wie ich durchdrehte, weil ich dich nie wiedersehen würde, und ich weinte, und dann onanierte ich noch zweimal. An diesem Tag habe ich das Hotelzimmer nicht verlassen. Ich rief den Veranstalter an und erkundigte mich, ob ich mein Flugticket gegen ein früheres eintauschen könne. Familiäre Angelegenheiten. Der Veranstalter sagte, er frage nach. Als er jedoch zurückrief, gab er mir zu verstehen, dass ich nicht früher wegfahren dürfe, denn man wolle mir den Hauptpreis verleihen.

            Du kennst meine Einstellung zu Preisen. Es ist lächerlich und kindisch, aber genauso auch menschlich, wir alle wollen, dass man uns bemerkt, wertschätzt, liebt, hält, so auch ich. Vermutlich kommt mein Wunsch, etwas zu erreichen und Anerkennung zu bekommen, aus meiner Kindheit. Wobei ich weder ein Schwächling noch ein krankes Kind war. Dennoch habe ich aus irgendeinem Grund nie einen Pokal oder Wimpel bekommen. Aus der Schulzeit habe ich nur ein paar vereinzelte Urkunden, als sie jedem gegeben wurden, bekam auch ich eine. Ansonsten blieb ich aber hinter oder zwischen den anderen hängen. Vielleicht ist der Wunsch, einmal der Erste zu sein, seit damals in mir eingebrannt. Du lachst und ich lache auch und ich weiß ja auch selbst, dass diese Preisvergabe so wahllos ist, so zufällig, und es ja nicht der wichtigste Antrieb ist, etwas zu tun. Und ich mache das wirklich nicht wegen irgendwelcher Preise, sondern weil ich den Menschen die Welt widerspiegeln will, weil ich mit anderen Menschen in Kontakt treten will. Und das bin ich auch, ich habe nichts, worüber ich mich beschweren könnte, mir ist es gut ergangen. Und im Stillen wurde ich auch anerkannt, kleine Preise habe ich wirklich bekommen, ein paar Publikumspreise, und über die habe ich mich auch gefreut, wirklich. Aber keinen großen Hauptpreis. Irgendwie wird mir komisch bei dem Gedanken, dass man mich jedes Jahr nominiert, aber ich in keinem einzigen Jahr einen wichtigen Preis bekommen habe. Da fange ich an nachzudenken, ob es doch an mir liegt, die Jury kann sich schließlich nicht von Jahr zu Jahr irren. Kollegen und unsere Freunde sagen zwar, dieses Jahr bekommst du es, sicher kriegst du’s, deine Stand-Up-Auftritte sind erste Sahne, na, wer sollte es denn sonst bekommen, wenn nicht du? Aber nichts. Ich bin wie ein ewiger Nominierter. Jetzt habe ich es mit den Hauptpreisen schon aufgegeben, ich habe sogar angefangen, mich Preisträgern gegenüber herablassend und geringschätzig zu verhalten. Ja, ich bin still und leise verbittert. Wird auch aus mir ein Kriegsveteran, der seine Schlacht verloren hat, der im Dunkeln vor seinem Haus steht und jeden Passanten und die ganze Welt beißen möchte?

            Jetzt allerdings, als mir am Telefon gesagt wurde, dass ich den Preis bekomme, hat es mich nicht auf Anhieb gefreut. Das einzige, was ich wollte, war, zu dir nach Hause zu kommen. Wir alle wollen nach Hause kommen, wir alle wollen, dass wir ein Zuhause haben, dass uns jemand erwartet. Mir schien es so überraschend und seltsam, dass man nach einem so schlechten Auftritt und einer so kühlen Reaktion den Hauptpreis für mich bestimmt hatte. Aber es hob meine Laune nicht. Ich wollte dich erreichen, dich halten und umarmen und spüren, dass es dich gibt und du mich liebst. Ich erklärte dem Veranstalter, dass ich nach Hause fahren müsse. Sie könnten mir den Hauptpreis nachschicken. Der Veranstalter entgegnete allerdings, dass das nicht gehe, denn der Hauptpreis sei besonders und erfordere unbedingt meine Anwesenheit. Außerdem seien damit irgendwelche Verträge verbunden.

            Du bist so bezaubernd und entzückend, meine Göttin, du bist für mich immer wieder wie neu. Wie lange ich auch schon mit dir zusammen bin, ich verliebe mich doch immer und immer wieder neu in dich ... Und ich bitte dich jetzt um etwas. Ich habe nicht viel von dir verlangt, ich habe um deine Hand angehalten. Das ist das Wichtigste und Größte, was ich erbeten habe, und ich bin dafür so dankbar und darüber so glücklich. Ich möchte dich aber um noch etwas bitten. Und bitte erschrick nicht oder fälle irgendwelche Urteile oder denke Gott weiß was. Und ich weiß, dass du es schaffst, deine Herzensgüte und deine Seelengröße verstehen das. Bitte lernt euch kennen, sie ist mein Hauptpreis. Ich verstehe, dass es irgendwie seltsam wirken könnte, wenn wir das mal so betrachten, aber lass es uns nicht seltsam sehen. Auch wenn sie mein Hauptpreis ist, so ist sie doch ein Mensch wie du und ich. Sie ist ein junger Mensch, ist geflohen, hat sich versteckt, hat Angst und Gewalt erlebt, sie ist ein Mensch, der leben und überleben will. Mit diesem Hauptpreis will das Festival Menschen aufrufen, persönlich Verantwortung und Fürsorge zu übernehmen für diese unglücklichen Menschen, die wie Landstreicher durch Europa ziehen. Als sie mir übergeben wurde, ich war selbstverständlich schockiert, habe ich sie und diese ganze Situation mit großen und erschrockenen Augen angesehen, mit denen du mich gerade ansiehst. Als ich mich dann allerdings beruhigen konnte, wurde mir schlagartig klar, dass sie eigentlich in der Tat mein großer Hauptpreis ist, auf den ich schon immer gewartet habe. Dieser Gedanke war wie eine Erscheinung, dieser Gedanke, diese Erkenntnis, dass das größte Geschenk für einen Menschen ein anderer Mensch ist. Sie ist ein Preis - sowohl für dich als auch für mich, für uns alle, und wir selbst sind Hauptpreise! Weil wir einander brauchen. Ich brauche dich, du brauchst mich, sie braucht uns, um glücklich zu sein und zu spüren, dass sie hier im Leben erwartet wird, dass jemand sie braucht. Zusammen, wenn wir einander helfen und uns unterstützen, können wir alles überstehen. Selbst wenn du etwas enttäuscht bist, dass sie eine Frau ist, aber lass sie nur, Menschen werden nun mal als Männer oder Frauen geboren und eigentlich macht das keinen großen Unterschied, wir sind alle Menschen. Und ich verspreche dir, dass ich ein anderes Mal, sollte ich den großen Hauptpreis gewinnen, einen Mann wähle. Selbst dieses Mal hatte man für mich eigentlich einen Mann vorgesehen. Der Lette hat jedoch gefragt, ob er tauschen könne, weil er zu Hause einen Hof habe und dringend eine helfende Hand brauche. Ich glaube aber, dass er schwul ist. Und wie könnte ich nur dieses vom Letten verstoßene, hübsche junge Mädchen in der Ecke der Bühne stehen lassen. Man sollte überhaupt keinen Menschen zurückweisen, immer gibt es irgendwo jemanden, der dich braucht, der gerade auf dich wartet. Und das nächste Mal, wenn ich zu einem Festival gehe, dann kommst du einfach mit und kannst selbst wählen, die Auswahl ist groß. Das sind neue und interessante Menschen, die wir noch nicht kennen, aber die wir gerne kennen würden und die uns kennenlernen möchten, unsere Freunde werden möchten, auf dass wir einander Geschenke sein und jeden Tag so leben mögen, als sei es dein Geburtstag.

            Denn schau, was mit uns passiert, wir sind ständig so müde, wir haben weder Zeit für uns noch füreinander oder die Kinder, nicht für unsere Freunde, wir haben nicht einmal mehr Freunde! Wenn wir von deinem Vater mal absehen, wann hatten wir das letzte Mal Besuch? In unserem Leben gibt es so wenig Gäste! Unser Gästezimmer ist zu einer Wäschekammer geworden. Ehrlich gesagt erwarten wir doch gar keine Gäste mehr, denn all unsere Freunde sind uns längst lästig geworden, und sie sind doch wirklich lästig, wir kennen sie durch und durch, ihre Ticks, wer in welchem Moment anfängt, irgendwelchen Mist zu bauen, wer wann mit irgendeiner abwegigen Idee ankommt. Wir täuschen uns so rasch in den Menschen. Aber sie wäre in unserem Leben ein vollkommen neuer Gast, selbst wenn sie etwas Komisches sagt, wir verstehen sie ja nicht und genau das macht sie so sympathisch. Schau dir unsere grauen und müden Gesichter an, unsere schläfrigen Augen. Wir sind miteinander so durch, dass wir es noch nicht einmal schaffen, miteinander zu reden, wir schaffen es abends nicht, das Geschirr in der Spüle abzuwaschen, wir können keine Freude an unseren Mädchen haben, wir jammern nur und schreien sie an. Jedes Puzzlestück, jede Elsa-Krone, jeder Lippenstift unter dem Fuß verursacht unerträgliche Rasereien und Schmerzen. Wenn die Kinder krank sind und nicht in die Schule gehen, ist der Tag wie eine Strafe und wir warten schon auf den Abend, damit sie endlich schlafen gehen. Aber sie gehen und gehen nicht, es braucht eine ganze Ewigkeit und Kraft und wir vollbringen alle möglichen Anstrengungen und schreien am Ende doch. Und wenn sie schließlich ins Bett gehen, fühlen wir uns so schlecht, weil wir sie angeschrien haben und nicht froh und stolz auf sie gewesen sind, wir fühlen, dass wir kleinlich und durchgefallene Eltern sind. Aber wir können diese Reue nicht sehr lange empfinden, denn wir sind selbst schon so müde und gehen bald schlafen. Nicht das geringste Sexleben, wir knäueln uns in getrennten Ecken des Betts zusammen und versinken irgendwo hinein und erwachen schlagartig, weil die Nacht schon vorbei ist und alles geht genauso weiter.

            Jetzt aber ändert sich alles. Wir müssen nie wieder allein sein. Wir haben unseren Gast, auf den wir schon längere Zeit gewartet haben, ohne dass wir es selbst gewusst hätten. Und jetzt bekommen wir dank ihr Freizeit, sodass wir wieder ins Kino gehen können, auf Konzerte. Wir können übers Wochenende zu zweit nach Riga oder Stockholm fahren, einfach im Park spazieren und sie spielt mit unseren Kindern. Ich bin mir sicher, dass sie den Kindern vom ersten Moment an sofort gefallen wird, Kadri und sicherlich auch Mari, und wir alle werden uns in sie verlieben. Ich habe alles durchdacht und je mehr ich darüber nachdenke, desto glücklicher bin ich, wenn ich mir unser Leben zusammen mit ihr vorstelle. Sie hilft uns bei allem, sie ist so freundlich und hilfsbereit, sie wird uns das Essen machen; du und ich werden ebenfalls kochen, aber dann einfach aus Freude und Entspannung, denn wir sind sehr entspannt und fröhlich. Und wegen des Gartens müssen wir uns nie wieder schämen, dass wir es nicht schaffen, die Bäume zu beschneiden, das Gras zu mähen, die Blätter zu harken. Unsere Blumenbeete werden nie wieder so aussehen, dass man nur vermuten kann, dass dort einmal Blumen geblüht haben. Alles wird wieder blühen! Wir könnten sogar aufs Land ziehen und außer ihr noch mehr Menschen aufnehmen, denn durch den Theaterbund habe ich für das nächste Jahr viele Festivaleinladungen bekommen und jetzt spüre ich wieder Kraft und Freude und gewinne bei all diesen Auftritten! Und wir könnten anfangen, unser eigenes Gemüse anzubauen und vielleicht sogar Schafe und Hühner zu halten. Wir beginnen, Brot mit Sauerteig zu backen, was wir doch schon immer machen wollten, aber nie geschafft haben, weil wir müde waren und dafür keine Zeit hatten. Und unser Auto wird glänzen, die Nägel unserer Kinder werden nie mehr zu lang oder zu dreckig sein, ihre Haare werden nie mehr zerzaust sein. Und wir selbst haben für unsere lieben Kinder endlich wieder Zeit und Freude und Kraft. Denn sie wird auch in der Schule zu den Elternabenden gehen, wo wir uns nur mit irgendwelchen Theaterfinanzierungsthemen aufgerieben hätten, aber sie wird nur bescheiden lächeln und alles ist gut, überhaupt kein Stress. Wir können ein stressfreies Leben haben, ich spüre es jetzt schon. Und wenn ich irgendwohin auf ein Festival gehe, zu dem du nicht mitkommen kannst, dann nehme ich sie mit und fühle mich nie wieder so schlecht und allein. Einsamkeit macht uns kaputt und unglücklich und grau und alt, aber wir könnten noch leben! Und sie würde auch unser Sexleben in Schwung bringen, seien wir ehrlich, das haben wir in letzter Zeit ganz schön vernachlässigt. Ich lese aus deiner Körpersprache und deinen Augen, dass ich dir so langweilig und vorhersagbar geworden bin. Und das macht mich unglücklich, denn ich meinerseits erwarte von dir im Bett Dinge, mit denen du nicht einverstanden bist, und du weißt, dass ich das akzeptiere, obwohl ich leide, aber ich akzeptiere es. Sie jedoch kennt keine Tabus, sie wäre wie eine frische Brise zwischen unseren Laken.

            Und zu guter Letzt: Gerade hat sie ihre Probezeit, falls sie uns nicht passt, können wir sie zurückbringen oder umtauschen. Schauen wir, wie sich das Leben entwickelt.

Aus dem Estnischen von Marcel Knorn


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