Der Ballettmeister

Novels

Ballettmeister

The Ballet Master (Novels, Estonian)
Published by Loomingu Raamatukogu, 2019, pp. 200

Die Handlung des Romans setzt an einem denkwürdigen Tag im Juni 1940 ein, als die rote Armee in Estland einmarschiert, den amtierenden Präsidenten Konstantin Päts in eine Nervenklinik nach Sibirien deportiert und damit die Geschichte des baltischen Staates auf den Kopf stellt. Doch die Wirren der Geschichte stellen auch das Leben des jungen Feuerwehrmanns Jüri auf den Kopf. Dieser wird wie üblich von seiner Tante geweckt, die bereits das Frühstück vorbereitet hat.

In Tallinn findet das jährlich Sportfest statt und Jüri erhofft sich den Titel im Hammerwurf. Nachdem er tatsächlich gewinnt, begibt sich Jüri zum Gerätehaus der Feuerwehr. Dort findet er seinen Kollegen Johannes mit durchgeschnittener Kehle. Jede Hilfe kommt zu spät, doch auf Bitten seines sterbenden Freundes Johannes steckt Jüri einen Stapel Dokumente sowie einen Zettel mit einer Adresse ein. Als die mutmaßlichen Mörder seines Freundes zurückkommen, macht sich Jüri aus dem Staub und geht zu der Adresse, an der ihn ein Schneider erwartet.

Der Schneider ist überrascht, Jüri anstelle seines Kollegen anzutreffen, doch der „Meister“ hat keine Wahl und weiht ihn in die geheimen Pläne der estnischen Untergrundbewegung ein: Jüri soll mit vier anderen Landsmännern nach Sibirien reisen, den inhaftierten Präsidenten befreien und ihn außer Landes bringen, um in der Schweiz eine Exilregierung aufbauen zu können. Zur Tarnung muss sich Jüri als Kopf einer Volkstanzgruppe ausgeben, die für eine Konzertreise nach Russland eingeladen wurde. Das einzige Problem: Jüri kann nicht tanzen. Doch mit diesem Problem ist er nicht allein, wie sich im Nachtzug nach Moskau herausstellt, als er auf seine Mittänzer trifft.

Bei der Kontrolle an der estnisch-russischen Grenzen bekommt eine Bahnangestellte mit, dass eine „berühmte“ Volkstanzgruppe an Bord ist und bittet die Männer kurzerhand um eine Vorführung im Speisewagen. Den vier Männern bleibt trotz größtem Unbehagen nichts anderes übrig als mitzuspielen und so springen sie nach einer kurzen Probe wie verrückt durch den Speisewagen. Unter den sprachlosen Zuschauern ist auch die gutaussehende und wohlhabende Kunstliebhaberin Anastasia, die das Quintett kurzerhand zu einem Auftritt nach Moskau einlädt, Proberäume und Unterkunft inklusive. Jüri, der sich an Ort und Stelle in Anastasia verliebt, stimmt ohne Zögern zu.

In Moskau verbringen die Männer ihre Zeit mit Proben und Spaziergängen durch die Stadt. Bei einem dieser Spaziergänge werden die Tänzer von einem Halbstarken namens Serjoscha ausgeraubt, den sie sodann stellen. Der Halbstarke ist jedoch gewitzt und bietet den Tänzern an, Ihnen zu zeigen, wie man sich in Moskau durchschlägt und auch an Waffen kommt. Und diese können Sie für ihren geplanten Coup in der Nervenklinik gebrauchen. So treffen sich die Tänzer Tag für Tag nach ihren Proben mit Serjoscha. Kurz vor dem Auftritt bringt er sie zu einem Waffenhändler. Doch das Geschäft läuft schief und Serjoscha wird erschossen, während die Tänzer glimpflich (und bewaffnet) davonkommen.

Die Tänzer sind niedergeschlagen, aber der große Auftritt in Moskau wird ein voller Erfolg. So reisen sie am nächsten Tag nach Sibirien, um Päts aus der Nervenklinik zu befreien. Doch die Befreiungsaktion wird von Agenten des KGB unterbunden, die von Anfang an um die Pläne der Esten wussten und Anastasia als Lockvogel eingesetzt hatten. Die Tänzer kommen allerdings frei, weil ein KGB-General die Tanzvorführung in Moskau gesehen hat und das Quintett verschonen möchte.

Die Geschichte der Tänzer wird immer wieder durchzogen von Szenen, in denen das Schicksal von Konstantin Päts beleuchtet wird. Während dieser anfangs noch vermutet, dass es sich bei seiner Inhaftierung um ein Missverständnis handelt, findet er sich allmählich mit seiner Situation ab und schmiedet mit seinem Zellengenossen, bei dem es sich scheinbar um (den längst toten) Zar Nikolaus II. handelt, Fluchtpläne. Auch wenn die Stimmung dieser Szenen düsterer ist als der Hauptstrang, weiß Vadi den Text immer wieder mit seinem feinen Sinn für Humor aufzulockern. Eine weitere, interessant umgesetzte Besonderheit des Romans liegt darin ist, dass immer wieder Tiere (vor allem Nager und Ungeziefer) zu Wort kommen und die Situation als Außenstehende kommentieren.

Gerade die Mischung aus Humor und Tragik sowie Fakt und Fiktion macht den großen Reiz dieses Romans aus, der den Lesern Einblick in ein dunkles Kapitel der Geschichte Osteuropas gibt. Doch als Leser kommt man auch ohne Kenntnisse der estnischen Geschichte und Kultur voll auf seine Kosten.

 

Maximilian Murmann


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