Der Ballettmeister

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Kapitel 1

Beim Tanz braucht es entweder Anmut oder etwas Besonderes, etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt. Jüri Taluste besaß nichts von beidem, er war ein einfacher Feuerwehrmann. Ja, ich bezeichne ihn als Feuerwehrmann, denn genau das war er. Von der Statur war er eher stämmig und untersetzt, seine Bewegungen waren übertrieben kraftvoll, abrupt und hölzern, ohne eine Spur von Balance und der fürs Tanzen erforderlichen Erhabenheit, auch Rhythmusgefühl fehlte ihm völlig. Manche sind geborene Tänzer, bei anderen sieht man sofort, dass sie es gewiss nicht sind.

Jüri selbst hielt sich nicht für einen Tänzer, er hatte nicht einmal einen Tanzkurs absolviert. Während solch eines Kurses trat er seiner Partnerin mit seinen großen Füßen ständig auf die Zehen. Jedes Mal kreischte das arme Mädchen vor Schmerzen und jedes Mal spürte Jüri, wie er vor Scham tiefer im Boden versank. Er machte keinerlei Fortschritte, vielmehr wurde er noch verkrampfter. Der Tanz sah aus, als würden zwei verängstigte Menschen einander umherschieben, ein schrecklicher Anblick. Ebenso schrecklich ist es, wenn ein Tänzer seine Partnerin so führt, als halte er anstelle von Händen zwei feuchte Kuhzitzen! Etwas Schlimmeres kann man seiner Tanzpartnerin nicht antun. Nun, natürlich kann man das, im Theater ist alles möglich, aber das steht auf einem anderen Blatt... Als Jüri Taluste seiner Partnerin erneut, zum weiß Gott wievielten Mal, auf die Füße trat und sie aufschrie, ließ Jüri das Mädchen allein in der Aula stehen, sprang zur Tür heraus und kehrte nie wieder zurück...

Aus dem gleichen Grund ging Jüri auch nicht zur Abschlussfeier der Berufsschule - dort hätte er jemanden zum Tanz auffordern müssen. An Mädchen fand er großen Gefallen, sein Problem war das Tanzen. Die Angst davor lähmte ihn, sie war stärker als der Wunsch, eine Frau kennenzulernen. Die Elemente Feuer, Wasser und Frauen fesselten ihn. Jüri träumte heimlich davon, wie er eine junge Frau aus einem brennenden Haus rettet, die ihn, in ein leichtes Sommerkleid gehüllt und von Löschwasser durchnässt, mit einem dankbaren und verliebten Blick bedachte.

Jüri hatte verschiedensten Gefahren ins Auge geblickt, er war durch Feuer und Wasser gegangen – und das ist keine Metapher – aber bis dato hatte er lediglich alte Männer oder Katzen aus brennenden Häusern gerettet. Auch sie hatte er leidenschaftlich und aufopferungsvoll befreit. Jüri Taluste war äußerst pflichtbewusst, er würde niemanden im Stich lassen. Auch nicht an dem Tag, als es keinen Brand gab und die ganze Brigade am Sportfest teilnehmen sollte.

 

Eine scheußliche Vorahnung begleitete ihn vom Morgen an. Bereits beim Aufwachen spürte Jüri, dass etwas faul war, allerdings nicht von außen betrachtet. Die Sonne schien durch die Gardinen ins Zimmer, Tante Leida stand in der Küche, während unter dem Herd Feuer knisterte, kurz darauf briet sie in einer Pfanne Eier, und der Geruch gelangte unter der Tür hindurch bis zu Jüri. Gleich würde seine Tante anklopfen, obwohl Jüri ihr Jahr für Jahr versichert hatte, dass es nicht nötig sei, er könne das selbst, sie müsse ihm kein Frühstück machen, sie brauche nicht an die Tür klopfen. Aber seine Tante klopfte jeden Tag an die Tür und kümmerte sich um Frühstück und Abendessen, sowie ums Mittagessen. Und wenn es mal geschah, dass Jüri nicht nach Hause kam, saß die alte Frau traurig am Herd und Dampf stieg aus den Töpfen auf. Aber Leida konnte nicht anders, was würde sonst aus dem Jungen werden? Außerdem hatte sie versprochen, sich um Jüri zu kümmern und sollte sie jemals, an einem anderen Ort, seinen Eltern begegnen, könnten diese ihr zumindest nicht vorwerfen, dass der Junge vom Fleisch gefallen sei.

Natürlich gefiel es Jüri, dass seine Tante das Frühstück zubereitete, und auch am Abend- und Mittagessen hatte Jüri seine Freude, oder aber an den Butterbroten, die er sich einpackte, wenn er Nachtschicht hatte. Tante Leida war der Meinung, dass der Junge immer Hunger hatte und essen könne man auch in der Nacht. Derselben Meinung war Jüri auch, im Grunde waren beide Parteien zufrieden mit dem Arrangement. Aber sie hatten dabei die Angewohnheit, stets das gleiche Gespräch zu führen:

„Es ist wirklich nicht nötig...“

„Und ob es das ist, du kannst doch nicht mit leerem Magen gehen...“

Leida klopfte dreimal an die Tür. Das tat sie jeden Morgen, aber heute kam es Jüri irgendwie so merkwürdig vor, dass er sich dachte:

„Warum gerade dreimal?“ Es erschien ihm bedeutungsvoll, geradezu unheilvoll. Selbstverständlich war es nicht die Zahl drei, die Jüri Angst machte, aber was dann? War es das Sportfest?

Im Gegensatz zum Tanzen weckte Sport in Jüri keine unangenehmen Gefühle, er fuhr beim Sportfest jedes Jahr gute Ergebnisse ein, die Wimpel und Urkunden hatte Leida neben dem Bild ihres im Ersten Weltkrieg verschollenen Mannes aufgehängt, beides passte gut zusammen. Jüris Wimpel vervollständigten gewissermaßen das Foto von Aksel, der zu Lebzeiten nie einen Wimpel oder eine Urkunde erhalten hatte, nicht einmal für seinen Einsatz im Krieg, und nun war er verschwunden, wahrscheinlich an der Front gefallen, Leida erreichte eine entsprechende Nachricht. Aber tief in ihr nagte die Vermutung, dass Aksel ihr Essen nicht mochte und der Krieg und die Front nur ein Vorwand waren und Aksel tatsächlich noch lebte, aber wegen ihrer Kochkünste nicht in die Heimat zurückkehren wollte.

„Hat es ihm wirklich nicht geschmeckt? Ich verstehe das nicht, er hat gegessen und geschwiegen, alles hat er aufgegessen, aber kein Wort gesagt!“

 

Jüri zog sich an und aß. Seine Tante wollte ihn bestimmt begleiten, denn sie kam jedes Mal mit zum Sportfest, um Jüri anzufeuern, und sie hatte das Gefühl, dass es gerade wegen ihrer Unterstützung so gut lief. Aber Jüri wollte nicht, dass seine Tante ihn begleitete. Er war zu dem Schluss gekommen, dass sich ihretwegen die Frauen von ihm fernhielten. Jüri vermutete manchmal sogar, dass ihn seine Tante so ausgiebig und sorgfältig bekochte wie es keine andere könnte, dass er von ihr abhängig war. Wenn er sich überall mit seiner Tante zeigte, dachten die Frauen womöglich noch, dass er bereits vergeben sei, obwohl schon von weitem zu sehen war, dass es sich nur um seine Tante handelte, aber das konnte man nicht von jedem erwarten. Sie war wirklich großartig, aber immerzu wollte sie mitkommen. Die paar Male, bei denen sich fast eine Möglichkeit ergeben hatte, eine Frau näher kennenzulernen, tauchte Leida aus dem Nichts auf, stieg in das Gespräch ein und kurze Zeit später gingen Jüri und Leida zu zweit nach Hause. Deshalb beschloss Jüri, dass er nicht mit seiner Tante zum Sportfest gehen würde.

„Ich muss vorher noch bei der Wache vorbeischauen, wir treffen uns dort und gehen dann gemeinsam zum Stadion.“ Um auf Nummer sicher zu gehen, denn es war möglich, dass das Treffen in der Wache für sie kein Hindernis darstellte, schließlich könnte sie sich ihm anschließen, fügte Jüri hinzu: „Ich treffe mich mit Johannes und wir kümmern uns um ein paar Dinge.“ Dieser Johannes mit seinen braunen Augen gefiel Leida nicht. Unter Berufung auf ihre Lebenserfahrung und ihren feinen Riecher war sich Leida sicher, dass Männer mit braunen Augen verlogen waren, Aksel hatte ebenfalls braune Augen.

„Wozu triffst du dich mit diesem Johannes?“

„Wir müssen ein paar kaputte Schläuche reparieren.“ Die beliebteste Lüge unter Feuerwehrmännern.

„Na, dann geh.“

Als die Wohnungstür zugefallen war, sah Jüri auf dem Flur eilig Ameisen umherrennen, es war ein ganzer Haufen. Auch die Ameisen kamen ihm irgendwie merkwürdig und verdächtig vor. Mit einem mulmigen Gefühl bewegte sich Jüri in Richtung Wache. Leida kratzte die Reste von Jüris Teller zusammen - sie schnaufte, die Hälfte hatte er übriggelassen:

„Das Essen schmeckt nicht und die eigene Tante ist ihm peinlich!“

 

 

Kapitel 2

In der Feuerwache war alles wie immer, jedoch ungewöhnlich still. Jüri kam es vor, als sei er nicht allein gewesen. So oft hatte er sich einsam gefühlt, zu einsam, aber gerade störte ihn die Anwesenheit dieser anderen Person. Er konnte niemanden sehen und atmete schwerfällig, es gab keine Gefahr, nur ein paar Fliegen unter der Decke, auch sie wirkten irgendwie verdächtig und rührten sich kaum von Fleck. Der Moment und die Situation waren wie in Bernstein erstarrt.

Jüri drehte sich plötzlich um und blickte hinter sich - niemand war da. Was war das Problem? Jüri hatte sich schon als Kind vor einer Märchenfigur gefürchtet, die ihre Seele leichtfertig verkaufte, und danach ohne auskommen musste. Am meisten fürchtete sich Jüri bei dieser entsetzlichen Geschichte vor der Vorstellung, dass er in die gleiche Situation gerät und sich am Ende herausstellt, dass er gar keine Selle hat. Woher kam dieser Gedanke gerade jetzt, wie aus dem Nichts?

„Was ist nur los mit mir? Was ist das für ein Morgen? Es reicht!“ Er beschloss, in die Umkleidekabine zu gehen, um sich seine Sportkleidung anzuziehen, als plötzlich Johannes neben ihm stand.

Jüri erschreckte sich, woraufhin auch Johannes einen Schreck bekam. Obwohl beide sonst eher harte Kerle waren, wirken sie nun sehr verletzlich.

„Na, wie geht‘s?“, fragte Johannes, und allein das zeigte, dass etwas im Busch war, nie zuvor hatte Johannes derlei gefragt. Tatsächlich gab es nur eine korrekte Variante, wenn Johannes sich an Jüri wandte: „Warten wir auf Regen oder Wasser marsch?“ Da gab es keinen Raum für Improvisation. Bei diesen Männern war alles klar. Wenn es in eine Kneipe ging, sagten sie: „Wasser marsch!“ Am nächsten Tag hieß es dann: „Das war reichlich Wasser.“ Wenn etwas unwiederbringlich und hoffnungslos erschien: „Wenigstens sind die Flammen schön hoch!“

Vielleicht hätte Johannes genau das zu Jüri sagen sollen, doch stattdessen fragte er, wie es ihm gehe. Jüri hätte sagen können, dass „der Druck Scheiße“ oder „das Wasser trocken“ sei oder auch „so ein Mist, es will einfach nirgends brennen“, doch er stammelte nur:

„Keine Ahnung.“

„Gehst du etwa nicht zum Sportfest?“

„Doch, doch, ich bin etwas früher gekommen, ich dachte, dass ich davor noch hierher komme… Ich hatte noch etwas Zeit.“

„Tantchen, richtig?“

„Ja.“ Jüri machte keine Anstalten, Johannes wusste Bescheid. „Und du selbst?“

„Ich auch…“ Gewöhnlich sprach Johannes schnell und viel, sodass Jüri nie in Verlegenheit kam, ein Gespräch aufrechtzuerhalten, aber jetzt entstand eine unerwartete Pause.

„Du hast aber keine Tante, oder?“

„Nein, habe ich nicht“, begriff Johannes selbst. „Aber ich dachte, dass ich ein wenig das Lager aufräume. Es ist ein einziges Durcheinander. Ich repariere ein paar kaputte Schläuche.“

„Soll ich helfen?“

„Keine Ahnung… Nein, nicht nötig, das schaffe ich allein, ich komme dann nach.“

 

Unterhalb der Decke setzte kurz eine Fliege zum Flug an, dann begab sie sich wieder zurück.

 

Jüris Trupp fuhr mit einem Tanklöschfahrzeug im Stadion ein. Samt Motorspritze! Wasser und Feuerwehrmänner bereiteten Kindern und auch allen anderen große Freude. Viele verbanden Wasser mit Sommer und Spaß, Feuer hingegen mit Winter und Verdruss. Und natürlich war beim Anblick dieses Fahrzeugs auch ein Gefühl von Überlegenheit im Spiel. Am besten wussten das die Männer von der freiwilligen Feuerwehr, denen der Anblick des Fahrzeugs zuwider war.

„Die sollen etwa besser sein als wir? Und Geld bekommen sie auch noch, diese Mistkerle!“, konnte sich einer der Freiwilligen nicht zurückhalten. Auch ein zweiter platzte wütend heraus:

„Aber die Hälfte der Häuser lassen sie abbrennen!“ Der dritte Freiwillige wusste von einem vierten:

„Die benutzen das Fahrzeug gar nicht zum Feuerlöschen. Blumen gießen sie...“ Die Freiwilligen waren jedoch alles andere als dumm.

„Wir werden ja sehen, was heute passiert, und wer als letztes lacht!“ Unter den Freiwilligen war eine riesige Frau, die beim Feuerlöschen keine Hilfe war, dem Trupp jedoch beim Sportfest von großem Nutzen war – im Hammerwurf war sie ohne Konkurrenz. Die Frau stach auch Jüri ins Auge. War sie der Grund, weshalb er sich den ganzen Morgen gefühlt hatte, als wäre er nicht er selbst?

Natürlich suchte Jüri die Tribüne als erstes nach seiner Tante ab, was relativ einfach war, denn sie winkte und hielt in der anderen Hand ein Theaterglas. Mit dem Stecher konnte sie alles gut sehen, es war wie eine Aufführung, und als sie die Riesenfrau erspähte, kam es Leida vor, als handelte sich gar um ein antikes Drama, in dem Jüri mit Schlangen, hartnäckigen Göttern und Dämonen rang.

„Die Frau sollte gegen ihresgleichen antreten, in ihrer eigenen Gewichtsklasse.“ Jedes Jahr war sie vor Jüri auf dem ersten Platz gelandet. Ähnlich irritiert wie Tante Leida waren auch die anderen aus Jüris Trupp. Einer der Feuerwehrmänner schlug daher vor:

„Männer, wenn einer von uns diese Matrone schlägt, bekommt er von jedem zwei Kronen, einverstanden?“ Jüri stimmte zu:

„Dieses Weib. Jedes Jahr!“

Sie wärmten sich auf, der Adrenalinspiegel stieg ebenso wie der Unmut gegenüber der Riesenfrau. Vor Jüri wartete Johannes darauf, dass er an der Reihe war und sah dabei aus, als sei er der einzige, den die Riesenfrau kaltließ. Stattdessen blickte er ab und zu in den Himmel. Es schien ihm, als seien dort drei Sonnen. Johannes war darüber so entsetzt, dass aus seinem Mund etwas Undefinierbares herauskam, etwas zwischen Schreien und Tosen.

„Haahhh!“

„Johannes, hör mal…“ Jüri rüttelte seinen Freund an der Schulter, und Johannes wachte auf.

„Ah? Jüri… Was ist?“

Er sah Jüri ins Gesicht, aber sein Blick war noch immer anderswo, als hätte er sich im Nebel verirrt. Johannes hatte das dringende Bedürfnis, Jüri etwas zu sagen, er suchte nach Worten, fand sie nicht, und so sagte er schließlich etwas anderes:

„Können wir Platz tauschen?“

„Können wir.“

Johannes war bleich ihm Gesicht und taumelte.

„Was hast du? Ist etwas passiert?“

„Nein, aber… Ich muss kurz in die Wache.“

„Natürlich, geh nur“, mehr konnte Jüri nicht sagen oder fragen. Johannes eilte davon, warf kurz einen Blick zurück, so als wollte er um Hilfe bitten. Einer der Feuerwehrmänner rief ihm nach:

„Wo willst du jetzt hin?“ Johannes schien nicht zu hören, er ging wie auf Watte. Ein Brandmeister scherzte:

„Johannes geht zum Tanzkurs.“

Im Gegensatz zu Jüri hatte Johannes große Freude am Tanzen. Er war recht talentiert, bewegte sich geschmeidig und nahm sogar Einzelstunden. Heute nutzte ihm das nicht, sein Schritt war weich wie Butter.

Der Hammer der Riesenfrau flog wie ein Komet und riss beim Aufprall ein Stück Erde mit sich und auch die Herzen von den Berufsfeuerwehrmännern und Tante Leida. Jüri war ihre letzte Hoffnung, er wollte sie nicht im Stich lassen, und griff mürrisch nach dem Hammer, fast als wäre er sauer auf sich selbst, was all das zu bedeuten hatte, was das für ein Morgen, was das für ein Leben war! Und mit diesem Gefühl ließ er den Hammer aus seiner Hand fliegen, brüllte und wunderte sich im nächsten Moment selbst, wie er so brüllen konnte, dazu noch an einem öffentlichen Ort, in einem Stadion! Aber in Tante Leidas frohlockenden Ohren war Jüris Gebrüll nur ein Klingeln. Hätte jemand von der anderen Seite durch das Theaterglas geblickt, hätte er gesehen, wie sich Leidas Pupillen weiteten. Es war als würde in ihnen eine Atombombe detonieren, und ebenso groß und kraftvoll öffnete sie ihren Mund:

„Mein Junge!“

 


 

Kapitel 3

Jüri wäre unfassbar gerne durch die Türe in die Wache gegangen, seine Hand war voller Zwei-Kronen-Münzen. An der anderen Hand klammerte sich Leida, die selbst gar nicht bemerkte, dass sie das tat. Das Gespräch, welches eher ein Monolog war, wollte einfach nicht enden, Jüris Hand war fest in Leidas Griff,

„Wie weit du geworfen hast!“

„Ja, ich habe geworfen.“

„Das hast du, ganz wie Kalevipoeg!“

„Kalevipoeg?“ Jetzt kamen aber schon die anderen Feuerwehrmänner und sahen, dass Leida wieder anwesend war. Ein Wunder, dass sie Jüri nicht auch beim Löschen begleitete. Jüri hatte vor einiger Zeit gehört, wie jemand das gesagt hatte, es war schmerzhaft und entsprach gleichzeitig der Wahrheit.

Jüri begann in Anbetracht der peinlichen Situation und der Geschichte, die kein Ende finden wollte, förmlich in Leidas Hand zu verwelken. Und was hatte das mit Kalevipoeg zu tun?

„Das ganze Stadion war mit einem Mal von dir erfüllt. Du warst wie ein Heros!“

„Wer?“

„Ein Mensch, der zur Hälfte von Gott abstammt und deshalb so stark ist.“ Woher kam das alles? Hier wurde eine Grenze überschritten, Jüri schob die Hand beiseite.

„Ich muss los, die anderen warten schon und…“ Seine Tante sah, dass sie Jüri mit ihrer Geschichte verärgert hatte, obwohl sie das gar nicht wollte. Warum musste ich ihn nur an seine Eltern erinnern? Warum soll man dem Dürstenden von Wasser erzählen und dem Hungrigen von Brot, wenn man nichts davon anzubieten hat? Leida versuchte die Angelegenheit zu begradigen:

„Wann kommst du nach Hause?“

„Erst gegen sieben.“ Weshalb sagte er jedes Mal „erst“, das wusste Jüri selbst nicht, denn um halb sieben merkte er immer, wie sein Bauch leise grummelte, um dreiviertel sieben bereits, wie er knurrte und dann eilte er nach Hause, auch wenn er das nicht vorgehabt hatte.

„Dann mache ich alles für sieben bereit.“ Ja, sie hatte Jüri also doch etwas anzubieten.

 

Jüri suchte nach Johannes, er wollte seinem Freund die Medaille zeigen, außerdem musste auch Johannes ihm zwei Kronen geben, ganz egal, ob er früher gegangen war. Wo steckte er nur? Im Umkleideraum waren die anderen, von Johannes wussten sie nichts, obwohl er ja gesagt hatte, dass er zur Wache wolle. Jüri ging durch den Korridor zurück, dort war wieder die gleiche drückende Stille, die gleichen Fliegen unter der Decke. Hatten sie sich in der Zwischenzeit überhaupt bewegt? Die Tür zum Lager stand ein wenig offen, eine Maus huschte durch die Tür. Etwas war los mit dem Tier, es rannte mit dem Kopf gegen die Wand, blieb kurz auf dem Boden liegen und als Jüri bei der Maus angelangt war und sie aufhob, wachte sie auf, und schaute Jüri an, so dachte er. Doch wohin die Maus tatsächlich schaute und was sie sah, werden wir nie erfahren, selbst wenn wir ihre Sprache beherrschen würden, denn im nächsten Moment blieb sie leblos auf der Hand liegen. Jüri fuhr zusammen. Bisher war noch niemand in seiner Gegenwart gestorben, er hatte all die Menschen, in der Regel alte, lebend aus dem Feuer gezogen, aber auch Tieren das Leben gerettet: drei Hunde, zwei Katzen und eine Schildkröte waren Jüri zu ewigem Dank verpflichtet. Was hatte es also mit der Maus auf sich? Jüri wusste mit dem Tier nichts anzufangen, in den Müll wollte er es jedoch nicht werfen. Er hielt die Maus fest und sah sich hilfesuchend um, in der einen Hand hatte er Münzen, in der anderen eine tote Maus, und trat ins Lager. Hier war etwas ausgesprochen faul.

Gleich als erstes fiel ihm ein Spaten ins Auge. Er steckte das Geld in die Hosentasche und nahm sich den Spaten. Dann war ein dumpfer Schlag zu hören, auf den Stille folgte. Jüri begriff, dass ganz in der Nähe jemand war und - ihm stockte der Atem - sich womöglich den ganzen Morgen hier aufgehalten und diese merkwürdige Stille verursacht hatte. Jüri steckte auch die Maus in die Tasche, umgriff den Spaten mit beiden Händen und versuchte, sich so leise wie möglich zu bewegen, was ihm nicht gelang, denn schon stolperte er über einen verdammten Schlauch. Jüri ging noch ein Stück weiter, und fragte, ohne selbst zu wissen weshalb oder wen:

„Ist hier jemand?“ Er schien eine Antwort zu bekommen, aber diese war so leise wie ein Flüstern, ein Röcheln. Nach ein paar beunruhigten Schritten sah Jüri bereits Johannes, der hinter einem Tisch saß. Im Schein der Lampe waren seine Konturen zu erkennen. Es ist wegen des Geldes, davon war Jüri überzeugt, denn wie oft hatte sich Johannes aus dem Staub gemacht, als es ans Bezahlen ging, und stets so geschickt, dass es am Ende furchtbar peinlich war, ihn zu erinnern und immer war er so überrascht und regungslos wie jetzt. Johannes sprach ins Telefon, den Hörer am Ohr, die Ellbogen auf dem Tisch und den Kopf gesenkt, als sei er vom Zuhören müde geworden.

„Johannes, was machst du hier?“ Nach dem letzten Wort legte Jüri eine Hand auf die Schulter seines Freundes, vor dem ein Notizblock und irgendwelche Papiere auf dem Tisch lagen. Er wusste überhaupt nicht, dass es im Lager solch einen Tisch gab und dazu noch ein Telefon. Jüri rüttelte Johannes an der Schulter. Er reagierte nicht, Jüri rüttelte etwas stärker, woraufhin der Kopf von Johannes nach hinten zuckte und auf die Rückenlehne fiel. Seine Kehle war durchgeschnitten. Es sah aus wie ein zu einem Lachen geöffneter Mund, das Blut floss zäh und leise, auch Johannes‘ Augen standen offen, als würde er beten.

Jüri ergriff mit einem Mal Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Unruhe, Panik. Die Luft, von der es heute sehr wenig zu geben schien, war nun gänzlich verschwunden. Durch die drückende Wärme hindurch erreichte Jüri eine Stimme aus dem Telefon, die Person am anderen Ende klang fordernd. Jüri hob den Hörer ans Ohr:

„Hallo?“ Jemand, der schon länger gewartet hatte, fragte:

„Johannes, bist du das?!“ Jüri blickte zu seinem Freund. Was hätte er antworten sollen? Schließlich sagte er:

„Ja.“

„Hör mir zu, ich habe keine Zeit mehr. Die Russen sind am Morgen über die Grenze gekommen, die Regierung ist zurückgetreten. Hörst du?“

„Ja, ich höre.“

„Geh sofort zum Meister. Der Präsident ist verschwunden.“

„Der Präsident ist verschwunden?“ Aus irgendeinem Grund war Jüri darüber entsetzt, still wiederholte er: Der Präsident ist verschwunden… Das Gespräch war noch nicht vorüber, es gab noch Dinge, die er sich merken musste.

„Ja, verschwunden. Plan C tritt in Kraft.“

„Aha. Plan C?“

„Bring deine Papiere und deine Maße mit, sicher be…“ Die nervöse, fordernde und verängstigte Stimme riss mitten im Wort ab, daraufhin kam aus dem Hörer nur Rauschen. Jüri verstand nicht, was geschah, er konnte nicht durch den Hörer hindurchsehen, und vielleicht war es besser so, denn ein schöner Anblick wäre es nicht gewesen. Jüri versuchte, noch etwas zu hören.

„Hallo? Aber wo finde ich diesen Meister?“

Das Telefonat wurde auf der anderen Seite unterbrochen, der Hörer fühlte sich schwer an, und Jüri war wie verhext. Er legte den Hörer auf und entfernte sich langsam. Doch plötzlich griff Johannes nach Jüris Ärmel, es war wie ein Stromschlag, Jüri brüllte und sprang dabei energisch in die Luft. Ein denkwürdiger Moment im Leben Jüri Talustes, den es sich in Erinnerung zu behalten lohnt – sagen wir, es war der Beginn seiner Tanzkarriere, es war das erste Mal, dass seine Bewegungen an die Husarensprünge aus dem ungarischen Volkstanz erinnerte.

Als Jüri wieder auf dem Boden gelandet war, blickte er seinen Freund an. Johannes öffnete Augen und Mund, er nahm all seine Kraft zusammen, nach jedem Wort sprudelte Blut aus seiner Kehle.

„Jüri… schnell… die Zahlen…“

Der Kopf von Johannes kippte wieder nach hinten, mit einem Ruck, über die Stuhllehne. Aber seine Hand hielt fest an Jüris Ärmel wie eine Kralle. Jüri versuchte, sich von der Hand seines Freundes zu befreien, er keuchte und stöhnte, ihm wurde schummrig vor Augen. Mit zitternden Händen nahm Jüri die Mappe, die auf dem Tisch lag, sowie Johannes‘ Dokumente. Waren das die Zahlen, die Maße? Er rollte die Papiere zusammen, steckte sie ein und war im Begriff, das Lager zu verlassen, sein Herz pochte als würde eine Landstreicherbande einen arglosen Passanten nachts im Park verprügeln.

Aus der Ferne waren Stimmen zu hören. Jüri blieb hinter der Tür stehen, und lauschte, wie die Schritte, die Stimmen näherkamen. Jemand fragte:

„Die Dokumente?“

„Welche Dokumente?“

„Sie haben die Dokumente zurückgelassen?!“

Die Tür flog auf, Jüri versuchte sich dahinter möglichst klein und leise zu verstecken, und nahm dabei die Form einer Schlauchtrommel ein. Durch die Tür kam ein Mann, der direkt auf den Tisch zustürmte, dort herumwühlte, Schubladen aufriss, fluchte und seine Hände in Johannes‘ Taschen gleiten ließ.

„Scheiße!“ Jüri fuhr zusammen und griff wieder nach dem Spaten, doch dieser schleifte dabei auf dem Betonboden, was der Eindringling hörte. Jüri beschlich das Gefühl, dass er bald so tot und kalt sein würde wie die Maus in seiner Hosentasche.

Der Unbekannte zog eine Waffe, man konnte das leise, vorsichtige Klicken von Metall hören. Langsam näherten sich die Schritte und Jüri ahnte, dass der andere gleich mit der Linken nach der Tür greifen würde, während er den Revolver in der anderen hält, dann würde die Tür aufgerissen werden, Schüsse ertönen. Jüri hatte auch schon beim Feuerlöschen erlebt, dass er erstarrte, alles von außen beobachtete und erst im letzten Moment aufwachte und handelte, ohne zu wissen, was er eigentlich tat, und in das brennende Haus stürmte. So auch jetzt, der Spaten ging nach oben, sauste herab und traf zielsicher den Kopf des bewaffneten Mannes. Die Überraschung war ihm im Gesicht abzulesen, seine Waffe fiel scheppernd zu Boden, es folgten noch ein paar eilige Schläge mit dem Spaten, ehe letztlich auch der Besitzer der Waffe zu Boden ging.

Jüri wollte zur Tür herausrennen, aber im Korridor konnte er bereits näherkommende Schritte hören, drehte sich um, versuchte panisch nachzudenken, und beschloss durch das Fenster zu flüchten, so wie er es unzählige Male in brenzligen Situationen getan hatte. Es war stets die richtige Entscheidung gewesen, so auch jetzt.

Obwohl das für einen Tänzer typische Adrenalin und Lampenfieber Jüris Gang befallen hatten, war eindeutig zu sehen, dass er sich immer noch wie ein verwirrter Feuerwehrmann verhielt, der über den Fußweg rannte, ohne sich zu erinnern, was Wasser war und dass die Fenster in einem brennenden Zimmer geschlossen bleiben mussten. Zu seiner eigenen Überraschung fand er sich an einer Straßenecke wieder, mit einem blutigen Spaten in der Hand. Eine Kolonne von Militärfahrzeugen zog an ihm vorüber wie ein Schwarm müder Marienkäfer. In den Kastenwagen saßen uniformierte Männer, schläfrig und mit staubigen Gesichtern. Eines der Fahrzeuge hielt neben Jüri, die Scheibe wurde heruntergekurbelt, jemand fragte etwas auf Russisch. Jüri wich zurück, so als würde er nichts verstehen, schüttelte den Kopf, begann abermals zu rennen und warf den Spaten in hohem Bogen über einen Zaun, wobei sie unmittelbar in einem Blumenbeet landete – der Finder nahm das Werkzeug gerne entgegen, einen guten Spaten konnte man immer gebrauchen. Das wusste auch Jüri, doch gerade wäre ihm der Spaten zur Last gefallen und auch die zusammengerollten Papiere an seiner Brust waren schwer, gerne hätte er sie irgendwohin geworfen, ebenso die Kronen in seiner Tasche, über die er sich vor einer halben Stunde freute und die bald ihre Gültigkeit verlieren würden.

Neben Jüri begann ein Hund herzulaufen, ein kleiner struppiger Köter, vielleicht suchte er Gesellschaft oder wollte um die Wette rennen. Jüri versuchte, den Hund zu verscheuchen, für einen Moment blieb dieser stehen, dann hing er ihm wieder an den Fersen. Schließlich brüllte Jüri:

„Was wollt ihr alle von mir?“ Der Hund neigte den Kopf zur Seite und überlegte, warum dieser Mann auf einmal so zu schreien anfängt. Das Tier blieb nun an seinem Platz, folgte dem verwirrten Feuerwehrmann mit seinem traurigen Hundeblick und sah, wie Licht und Schauten ein Wort auf den Rücken des Mannes zeichneten: Ballettmeister. Im nächsten Moment war die Schrift verschwunden. Der Hund lenkte seinen Blick von Jüri in den Himmel und sah am Langen Herrmann plötzlich neben der blau-schwarz-weißen auch eine rote Flagge hängen. Was die Augen eines alten Hundes freilich nicht unterscheiden können.

 

 

Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann


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